malaysia newsletter von stef

n° 1 vom 9. juli 2002

wir haben stef im mai fuer ein paar monate nach malaysia geschickt, um zu erfahren wie es dort wirklich ist. sie wird uns jede woche auf dem laufenden halten.

******************

newsletter 1

Selamat datang ...

Heißt herzlich willkommen auf malaiisch und ist hier täglich zu hören oder zu lesen. Leider hat sich Malaysias ehrgeiziges Bestreben, Touristen sowie ausländisches Kapital ins Land zu holen, noch nicht realisieren lassen. Malaysia heute ist eine Gratwanderung zwischen Entwicklungs – und High Tech-Land; Wellblechhütten am Stadtrand, das stahlverkleidete KLCC (bestrittenermaßen das höchste Gebäude der Welt) im Zentrum; Little India und Chinatown mit erwarungsgemäß asiatischen Flair in Kuala Lumpur und peinlichst saubere, detailliert geplante Kunststädte wie Cyberjaya (Möchtegern Silicon Valley Südostasiens, wie bereits der Name verrät) und Putrajaya (gigantische neue Regierungsstadt, die innerhalb von drei Jahren inklusive künstlicher Seen und Hügel aus dem Boden oder besser aus den Palmölplantagen gestampft wurde).

Warum nun Malaysia, wo es doch offensichtlich viel interessantere Länder in der Region gibt? Die Gegensätzlichkeit des Landes, die Vielfalt der Kulturen (Malaien, Chinesen, Inder, Indonesier und natürlich die unvermeidbaren Westerners, darunter ich) und natürlich auch die Herausforderung, in einem islamischen Land zu leben.

Meine Vorbereitung? Intensivsprachkurs (allgemeiner Kommentar von Freunden und Kollegen: "und wofür brauchst du das dann hinterher noch?" - "Ich brauche es nicht hinterher, sondern jetzt und auch nicht, weil man sich hier nicht auf Englisch verständigen kann, sondern weil man über eine Sprache auch die Kultur lernt und einem so manche Türen öffnet") , interkulturelles Training (es ist immer beruhigend zu wissen, daß sich Wertvorstellungen und Kultur eines gesamten Landes, eines Kulturraumes gar, mathematisch auf einer x / y – Achse darstellen lassen), Einführung in den Islam (lohnenswert auch für nicht Malaysiareisende), das politische System (geprägt von einem moderat islamischen und für die Religion untypisch visionären und ehrgeizigem Prime Minister, der seit 1981 an der Macht ist) und viele Do`s und noch mehr Don’ts, von denen ich 90% am besten ignoriert hätte und wesentlich unvoreingenommer eingereist wäre (und mit leichterem Gepäck, denn die gesamten langen Hosen und weiten Blusen, ohne die man sich angeblich nicht im Land bewegen kann, ohne unangenehm aufzufallen, liegen seit dem ersten Abend im Schrank).

29. Mai also am Flughafen Kuala Lumpur, kurz KLIA. Erster Eindruck: so hat man sich Asien nicht vorgestellt, der Flughafen ist moderner, schöner, sauberer, besser beschildert als alle anderen Flughäfen, die ich bisher gesehen habe. Die ersten Schilder, die nochmals darauf hinweisen, dass man für Drogenbesitz- und handel auch wirklich die Todesstrafe erhält, aber das wusste man ja. Doch noch am Flughafen beginnt Asien – die Tasche einer meiner Mitreisenden ist nicht angekommen und nach zwei Stunden haben die malaiischen Angestellten an der Gepäckstelle alle nötigen Informationen (Name, Hotel, Baggage Check) und versprechen, sich bei Auffinden der Tasche zu melden (was sie dann einen Tag später auch wirklich tun). Inzwischen müssen wir dann alle auch einmal zur Toilette und fühlen uns wirklich in Asien. Gelesen hatte ich zwar, dass malaiische Toiletten aus einem Loch im Boden und einem Eimer Wasser mit Schöpfkelle (im moderneren Fall alternativ den Wasserschlauch) bestehen, insgeheim aber gedacht, dass sich im Rahmen der Verwestlichung und Modernisierung Malaysias auch das Toilettenbild geändert hätte. Öffentliche Toiletten, selbst in hypermodernen Zentren wie dem KLCC und den riesigen Shopping Malls, sind aber immer noch für eine Überraschung gut. Nach 6 Wochen Malaysia, ist die Klopapierrolle fester Bestandteil der weiblichen Hand- und männlichen Hosentasche, steht im Büro auf dem Regal und ist auch ansonsten völlig gesellschaftsfähig. Nach den ersten feuchten Hosenrändern haben wir uns auch kleidungsmässig den hygienischen Verhältnissen angepasst, denn da die Malaien traditionell ihre linke Hand plus Wasserschlauch (oder Schöpfkelle an den etwas rustikaleren Örtchen) statt Klopapier einsetzen, stehen die Toiletten generell unter Wasser.

Nach dem Flughafen also ins Hotel, mitten in Little India’s geschäftigster Strasse zwischen baufälligen Häusern, indischen Foodstalls (Essensbuden), Bettlern, die sich mit ihren bis zum Knochen offenen, geschwollenen Beinen, Ekzemen, fehlenden Gliedmaßen vor den Supermärkten und Essensständen plaziert haben und überfüllten engen Straßenzügen. Das Hotel ist für malaiische Verhätnisse sauber (sprich die Betten sind gemacht, ums Bett rum wurde gesaugt, ueber die Klobrille und das Waschbecken wurde auch kurz gewischt und das Housekeeping hat seiner Fantasie beim Pyjamafalten freien Lauf gelassen), instinktiv ein erster Blick aufs Klo (europäischer Standard mit einer sehr kleinzügig bemessenen Menge des begehrten Papiers. Da malaiische Putzfrauen davon ausgehen, dass eine viertel Rolle für zwei Gäste einen ganzen Tag ausreicht, werden wir uns angewöhnen, das Papier im Schrank zu verstecken, bevor das Housekeeping kommt), nach dem Gepäckabstellen dann instinktiv der zweite Blick auf den Fernseher . Keine Fernbedienung, dafür vier Kanäle mit Schneeoptik und einem Programm, das mich an meine Kindheit zurückerinnert:
Auf die ersten Folgen von Beverly Hills folgen indische Bollywoodproduktionen mit malaischen Untertiteln, chinesische Serien mit malaiischen Untertiteln und malaiische Serien mit chinesichen Untertiteln. Meistens geht es um Männer, die sich nicht zwischen mehreren Frauen entscheiden können (begleitet von Tanzszenen in farbenfreudigen indischen Gewändern) oder um Frauen, die Karriere machen wollen und Ihren Mann damit in die Arme einer anderen teiben, da er zu Hause nicht mehr die erforderliche Aufmerksamkeit bekommt. Der Discovery Channel mit gewährleistetem englischem Programm und internationalen Nachrichten ist nur gelegentlich zu empfangen.

Es bleibt Zeit für einen ersten Spaziergang durch Little India, wo ich meine nächsten vier Wochen verbringen soll. In den Geruch von scharfen indischen Curries, malaiischem Nasi Ikan (Reis mit Fisch, das übliche malaische Frühstück), Satespiessen mit Erdnusssosse, mischt sich der Gestank verfaulenden Mülls, der in der Hitze oft etwas schwindelerregende Duft der Räucherstäbchen, der heisse Rauch des Kastanienverkäufers, der die Kastanien am Strassenrand in heissen Kohlen röstet und um diese Jahreszeit auch der intesive, leicht faulige Geruch der lokalen Frucht Durian... eine grosse grüne ovale Frucht mit harten Stacheln, die einen recht üblen Geruch verströmt, laut Erfahrungsberichten wie eine Mischung aus leicht fauligem Obst, Knoblauch und Zwiebel schmeckt und deren Mitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln mit einer Geldstrafe von 500 Ringgit (um die 150 EURO) bestraft wird.
-

__little india    

Little India ist stets bevölkert... tagsüber sind die Strassen überfüllt mit Autos, Frauen in malaischen Batikgewändern und bunten Kopftüchern, Indern in traditionellen Kostümen und kleinen Kindern, die auf den dreckigen Strassen vor den Essenständen spielen. Man kommt kaum voran und muss sich dem langsamen Schritt der Einheimischen anpassen, die auch immer wieder stehenbleiben. Neben dem Hotel ist eine indische Moschee, den ganzen Tag sitzen dort die Gläubigen auf den Treppen und auf der Strasse und am Freitag bleibt die Strasse unpassierbar. Die Strassen sind überdacht und immer wieder tropft einem Wasser auf den Kopf, das entweder von den schlechten Klimaanlagen oder den undichten Abwasserrohren kommt. Aus den vielen kleinen Läden lärmt die Musik, indische Bollywoodschlager neben Back Street Boys, Anastacia und islamischen „Thank you Allah“ – Variationen. Am Samstag ist Nachtmarkt, die Strassen sind gesperrt und überall sind Stände, an denen Stoffe, Schleier und natürlich überall Essen verkauft werden. Die meisten Malaien essen nicht zu Hause, sondern in den Foodstalls, das Essen dort ist selbst für die Malaien so billig, dass man kaum billiger zu Hause kochen kann. In vielen Wohnungen der ärmeren Leute gibt es keine Küche und, wie ich später auf meinen ersten Reisen bemerken werde, auch nicht immer ein Bad.

Ab 23 h leeren sich die Strassen, nur ein paar junge Männer treffen sich noch mit ihren laut knatternden Mofas auf der Strasse und die Obdachlosen liegen am Strassenrand oder auf Treppeneingängen. Aus den Abflüssen kommen die Ratten auf ihrer Suche nach den Säcken verfaulenden Mülls, begleitet von Kakerlaken, die tagsüber in den nun geschlossenen Foodstalls leben. Jetzt hört man auch die Raben, die in den Bäumen und auf den Hausdächern sitzen und die sonst vom Lärm der Geschäfte übertönt werden. Die Raben schreien die ganze Nacht , auch im fünften Stock des Hotels halten sie uns die erste Woche vom Schlafen ab. Danach gewöhnt man sich langsam an den Lärm und nun, in meiner Wohnung ausserhalb von Kuala Lumpur, kann ich manchmal nicht schalfen, weil es so still ist. Gegen fünf Uhr morgens ruft dann der Iman in der benachbarten Moschee die Gläubigen zum Morgengebet und auf den Strassen hört man wieder die ersten Menschen, Mofas, Autos.

Am ersten Abend holt mich mein neuer Chef ab zum Abendessen. Fahrt zum Restaurant im Nationalauto Proton (zu Protons und Autos aber ein andermal) , 10 Minuten und wir lassen Little India hinter uns. Die muslimischen Frauen und Inderinnen sind verschwunden, wir fahren zur Jalan Sultan Ismail, das andere Kuala Lumpur. Luxushotels folgen auf die Niederlassungen der grossen internationalen Airlines, das Kuala Lumpur Hardrock Cafe, der Havanna Club.... überall junge Chinesen und Chinesinnen in hautengen kurzen Kleidern, bauchfreien Oberteilen, westliche Musik dringt aus den Bars und Diskoteken. Über den Strassen Lichterketten, die Palmen am Strassenrand sind ebenfalls mit Lichtern geschmückt, vor den Hotels beleuchtete Wasserfälle und Fontänen, Little Las Vegas nenne ich es spontan. Das Restaurant ist in einer der grössten Shopping Malls der Stadt am Sungai Wang Plaza (sungai = Fluss, Strom und wang = Geld) , die Geschäfte sind noch geöffnet. Auch hier schicke Läden mit engen Tops und kurzen Röcken, Schuhen mit schwindelnd hohen Absätzen, Kosmetikgeschäften, die überall Whitening Lotion anbieten. Während die Europäer jeden Sommer in der Sonne leiden, viele sich der wöchentlichen Hautkrebsvorsorge im Solarium nicht entziehen können, ist weiße Haute das Schönheitsideal der Chinesinnen. Nachem ich immer davon ausging, dass Asiatinnen von Natur aus klein und zierlich sind, entdecke ich in malaiischen Supermärkten die sicherlich grösste Auswahl an Schlankheitsprodukten, die mir bisher weder in Europa noch in Amerika begegnet ist.
Auf jeden Fall fühlte ich mich fehl am Platz in meiner langen weiten Hose und der langen weiten Bluse und den flachen Schuhen, mit denen ich aber immer noch die meisten Chinesen, Mann wie Frau, überrage.


Das also war mein erster Tag in Malaysia.. das nächste Mal dann mehr zu Sprachkurs, kulinarischen Experimenten, Expats, malaiischen Krankenhäusern, Überlandbussen, Tischsitten und Badekultur.
-

__pause